Gemeinsam mit rund 150 Fachleuten aus ganz Mecklenburg-Vorpommern haben wir am 1. Juli 2026 auf unserem 5. Projektforum einen Blick auf Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien geworfen. In der Scheune Bollewick haben wir unter dem Titel "Land in Sicht?!" Impulse für eine verbesserte Unterstützung im ländlichen Raum gesammelt. Dazu hat Prof. Dr. Reinhold Kilian von der Universität Ulm in seinem Vortrag spannende grundlegende Fakten und Zahlen geliefert. In einer Podiumsdiskussion trafen dann Fachkräfte auf Erfahrungsexpertinnen und überlegten gemeinsam, was es braucht, um Familien außerhalb urbaner Zentren zu erreichen. Diese Anregungen haben die Teilnehmenden dann in regionalen Ideenwerkstätten aufgegriffen, um ganz konkrete Pläne anzubahnen, um Vernetzung und Versorgung vor Ort zu vertiefen.
mit Prof. Dr. Reinhold Kilian (Universität Ulm, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie), Enrica Rebstock (Psychiatrie- und Suchtkoordination LK MSE), Kathrin Seemann (KipsFam Regio VG / Förderverein für Suchtkrankenhilfe), Franziska Berthold (GGP Rostock), Anke Bülow (Sozialpädagogin), Heidi Kiehn & Siegrun Schreiber (Erfahrungsexpertise)
Das Podium ist sich schnell einig, dass im ländlichen Raum vor allem fehlende Anonymität, Schuld- und Schamgefühle, Angst vor Stigmatisierung sowie wenig Wissen über vorhandene Hilfen und Risiken problematisch sind. Hinzu kommen strukturelle Probleme wie fehlende psychiatrische und psychotherapeutische Angebote, Mobilitätsprobleme, weite Wege und die Tatsache, dass im ländlichen Raum viele Menschen kleine oder sehr eng vernetzte Haushalts- und Ortsstrukturen haben.
Die Expert*innen fordern niedrigschwellige, mobile, flexible und zielgruppenspezifische Angebote, die nicht „nach Psychiatrie aussehen“ müssen. Wichtig sind neutrale Orte, Mehrgenerationenhäuser, Schulen, Gemeindeorte, Vereine, Kirche, Feuerwehr oder andere natürliche Treffpunkte, also Orte, die Vertrauen schaffen und keinen Stempel setzen.
Die Diskussion hebt hervor, dass Kinder möglichst früh erreicht werden müssen, bevor sich Krisen verfestigen. Dafür braucht es aufsuchende Hilfen, digitale Zugänge für Jugendliche, klare Informationen über Jugendamt und Hilfesystem sowie verlässliche Vertrauenspersonen, etwa in Schule oder Nachbarschaft.
Stigmatisierung soll durch Anti-Stigma-Arbeit, Aufklärung, Beteiligung von Erfahrungsexpert*innen und kontinuierliche Beziehungsgestaltung entgegengewirkt werden. Besonders wichtig ist dabei, Schuld und Scham nicht individuell zu behandeln, sondern als Folge von Belastung und sozialem Druck sichtbar zu machen und zu entlasten.
Der ländliche Raum wird nicht nur als Problem, sondern auch als Chance beschrieben: Man kennt sich, es gibt natürliche Kontaktpunkte und stabile Beziehungen über Generationen hinweg. Gleichzeitig braucht es klare Koordination, Backup-Strukturen und hauptamtliche Unterstützung, damit Ehrenamtliche und informelle Hilfen nicht überfordert werden.
In der Diskussion hat sich herauskristallisiert, dass Kinder aus psychisch oder suchtbelasteten Familien im ländlichen Raum oft besonders schwer erreicht werden, weil Scham, Stigmatisierung, fehlende Anonymität, lange Wege und ein lückenhaftes Hilfesystem zusammenkommen. Hilfen sollen deshalb nicht nur „da sein“, sondern sichtbar, erreichbar, vertraulich und alltagsnah gestaltet werden.
Die Impulse aus der Podiumsdiskussion wurden in den Ideenwerkstätten aufgegriffen und auf regionale Kontexte übertragen. Wo gibt es Anknüpfungspunkte in der Region? Was lässt sich einfach umsetzen - was weniger gut? Welche Kooperationspartner*innen wären sinnvoll? Was für Projekte oder Initiativen können weitergedacht oder in den eigenen Ort geholt werden? Die Ergebnisse aus den Gruppen haben wir erfasst und werden sie in den nächsten Monaten zusammen mit den regionalen Anlauf- und Unterstützungsstellen in unsere regionale Arbeit einfließen lassen und weiterbearbeiten.
Es war ein spannender Tag mit vielen guten Gesprächen und tollen Eindrücken, die noch eine Weile nachwirken werden. Wir bedanken uns bei allen, die dabei waren und an der Veranstaltung mitgewirkt haben - und freuen uns auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!